Thursday, September 14, 2006

„Gender Mainstreaming“
Der kleine Unterschied

Von Volker Zastrow
07. September 2006
Am 22. August 1965 kamen im kanadischen Winnipeg, einer Stadt etwa so groß wie Frankfurt, Zwillinge zur Welt. Ein seltenes und freudiges Ereignis - auch für die Wissenschaft. Denn eineiige Zwillinge haben dasselbe Erbgut. Also kann man dessen Einfluß an ihnen erforschen, was im 20. Jahrhundert auch überreich geschah. Bruce und Brian Reimer dienten als Beweis dafür, daß die Erbanlagen das Geschlecht eines Menschen nicht bestimmen. Weiblichkeit und Männlichkeit sind keine biologischen Identitäten, sondern psychische: So lautet die Annahme, die heute als Grundlage des „Gender Mainstreaming“ in die Politik eingegangen ist. „Man kommt nicht als Frau auf die Welt“, hieß das bei Simone de Beauvoir, „man wird dazu gemacht.“

Bruce Reimer kam nicht als Frau auf die Welt, aber er sollte dazu gemacht werden. Sieben Monate nach der Geburt des Jungen wurde sein Penis bei einer Beschneidung vom Arzt mit einem elektrischen Instrument so stark verbrannt, daß das Glied sich schwärzte und bald vollständig abfiel. Keiner der hinzugezogenen Mediziner konnte den Eltern einen Weg aufzeigen, diesen Schaden wenigstens einigermaßen zu beheben. Die Möglichkeiten der plastischen Chirurgie reichten nicht so weit. Im Februar 1967 sahen Ron und Janet Reimer dann in einer Fernsehrunde einen Doktor aus den Vereinigten Staaten, der ihnen wieder Hoffnung gab. Es war John Money, ein Psychiater vom Johns-Hopkins-Krankenhaus in Baltimore.

http://tinyurl.com/symg4

Sunday, September 03, 2006

"Ein Zwitter ist nicht per se krank"

Intersexuelle wehren sich gegen "Behandlungen" durch Ärzte
Moderation: Holger Hettinger


Elisabeth Müller, Mitbegründerin der Selbsthilfegruppe "XY-Frauen", ruft Ärzte auf, Intersexuelle in Ruhe zu lassen. Die Mediziner würden den Hermaphroditen Störungen unterjubeln und mit ihren Behandlungen Verbrechen an den Intersexuellen ausüben, sagte Müller im Deutschlandradio Kultur. Sie forderte weiter, Hermaphroditen als eigenes Geschlecht rechtlich und gesellschaftlich anzuerkennen.

Vollständiger Text :
http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/thema/481110/

Thursday, August 31, 2006

Genitale Korrekturen an intersexuellen Menschen
"It's easier to make a hole than to build a pole”

Allgemein wird angenommen, daß ausschließlich zwei biologische Geschlechter existieren, Frau und Mann. Diese Einstellung wird nicht näher differenziert und reflektiert, ist doch die Zuordnung nach den Geschlechtsorganen angeblich eindeutig beim jeweiligen Geschlecht angelegt: Eierstöcke oder Hoden. Genetisch werden Frauen und Männer auf die Chromosomen XX oder XY (Karyotyp) festgelegt. Dabei gab es schon immer Menschen, deren biologisches Geschlecht keine eindeutigen Merkmale trägt: seit nahezu 50 Jahren werden sie einem der beiden Geschlechter chirurgisch und hormonell zugewiesen. Eltern sollen nicht in Verlegenheit kommen, sich mit gesellschaftlich definierten Abnormalitäten auseinandersetzen zu müssen. Für die Betroffenen hingegen entstehen massive Folgeschäden.


Von Hermaphroditen zu Intersexuellen

Bereits in griechischen Sagen tauchen zweigeschlechtliche Mischwesen auf, die sogenannten Hermaphroditen (eine Mischung aus der Göttin Aphrodite und dem Götterboten Hermes). Hermaphroditen wurden in den Göttersagen bewundert. Im alten Rom jedoch wurden die menschlichen Hermaphroditen als Monster betrachtet und in einem 'Reinigungszeremoniell' verbrannt.

Vollständiger Text
http://www.nadir.org/nadir/initiativ/kombo/k_34isar.htm

Über die gewaltsame Herstellung der Zweigeschlechtlichkeit

Antke Engel

Aus Hamburger Frauen Zeitung, No. 53, Herbst 1997: 26-28
Originaltitel: ene mene meck und du bist weg. über die gewaltsame herstellung
der zweigeschlchtlichkeit


Seit geraumer Zeit bemühen sich Intersexuelle, als Menschen, deren Geschlecht nicht in einer Eindeutigkeit von entweder "männlich" oder "weiblich" aufgeht, Öffentlichkeit für ihre Erfahrungen mit familiären und gesellschaftlichen Tabus, Normalisierungszwängen und gewaltsamen medizinischen Praktiken herzustellen. Die bis ins 20. Jahrhundert hinein als Hermaphroditen oder entwertend als Zwitter kategorisierten, werden infolge des sogenannten medizinischen Fortschritts nicht nur pathologisiert, sondern zunehmend "wegtherapiert"(1). Heute eignen sie sich den Namen "Intersexuelle" als politische Kategorie an, nachdem sie oft lange Jahre unter einer erzwungenen Geschlechtszuweisung gelebt haben.

Die Infragestellung der rigiden binären und zwangsheterosexuellen Geschlechterordnung durch lesbischwule und feministische Theorie und Praxis hat zumindest einen begrenzten Rahmen für Sicht- und Existenzweisen geschaffen, die den ge-schlechtlichen und sexu-ellen Normen nicht gerecht werden wollen. Trotzdem existiert bislang so gut wie keinerlei Wahrnehmung, Wissen oder gar bestätigende Aufmerksamkeit für diejenigen, die eingespielte, dominante "Wirklichkeiten" und Wahrnehmungsraster verwirren.

Vollständiger Text
http://www.intersexualite.org/Deutsch-Index.html#anchor_481

Wednesday, August 30, 2006

Die McDonaldisierung von Intersex-Aktivismus
Von Curtis E. Hinkle

Nachdem ich den folgenden Artikel gelesen habe:
http://www.isna.org/faq/not_eradicating_gender
(Diese Gruppe unterstützt nur die rigide binäre Geschlechterordnung)

begann ich darüber nachzudenken, wie viele von uns in der Intersex-community sich marginalisiert, lächerlich gemacht und aus Gruppen ausgeschlossen fühlen, die für uns sprechen.

Man stelle sich eine Welt vor, in der die Haupttrennung zwischen Individuen die Größe wäre. Dies wäre das erste, was bei der Geburt festgestellt würde und müßte auf der Geburtsurkunde vermerkt werden.

Man stelle sich eine Welt vor, in der große Leute kleine Leute dominierten und es sehr schwer für eine kleine Person machten, eine große Person zu werden und umgekehrt.

Man stelle sich eine Welt vor, in der mittelgroße Leute nicht legal existieren könnten, ohne als eine große Person oder eine kleine Person festgelegt zu werden.

In dieser Welt wären dieses die möglichen Lösungen, um mittelgroßen Leuten Personenstatus zu gewähren: Zwangshungern oder Zwangsernährung, um nicht diese fürchterliche Zweideutigkeit zu haben, denn alle wissen, daß jeder in Wirklichkeit eine große Person oder eine kleine Person ist. Sie könnten vielleicht einfach nur eine große Person mit einem angeborenen Defekt sein, der sie eher wie eine kleine Person aussehen läßt oder umgekehrt.

Damit die großen Leute ihren Machtstatus behalten können, muß die Unterteilung rechtlich und sozial allen Mitgliedern auferlegt sein, damit alle ihren Platz als große oder kleine Person kennen.

Dies wären die Konsequenzen einer solchen legal auferlegten Norm:

1) Große Leute können nur kleine Leute heiraten und umgekehrt.
2) Große Leute haben einen Anspruch auf mehr Geld, Macht und Prestige.
3) Kleine Leute müssen sich um die alltäglichen Bedürfnisse großer Leute kümmern.
4) Man kann nur von einer kleinen Person zu einer großen Person werden, nachdem man als geisteskrank eingestuft wurde und danach einer Zwangsernährung unter ärztlicher Aufsicht zugestimmt hat.
5) Niemand kann jemals eine mittelgroße Person werden. Das ist illegal.

Eine Gruppe von Leuten, die mittelgroß sind (Gruppe A) fühlt sich marginalisiert und beschließt, die herrschende Ordnung des Zwei-Größen-Systems zu bekämpfen, weil sie es als unterdrückend empfinden, und sie der Meinung sind, daß es ihnen unnatürliche Behandlungen auferlegt, um sie anzupassen. Sie empfinden auch, daß ihre natürliche Größe nicht wahrgenommen wird und daß ihre Identitäten in einem solchen System ausradiert werden. Sie fühlen, daß die Einteilung von Menschen anhand ihrer Größe nicht notwendig ist und nicht nur ihre eigene Unterdrückung, sondern auch die von anderen verstärkt. Man sollte einfach eine Person sein können und die gesetzlich garantierten Rechte haben, die alle anderen auch haben. Eine andere Gruppe von mittelgroßen Leuten (Gruppe B) findet die binäre Einteilung genau richtig, weil sie wissen, daß sie in Wirklichkeit eine große oder kleine Person sind, und fühlen sich ganz gut mit dieser binären Einteilung.

Meine Frage ist: Welche Gruppe von mittelgroßen Leuten agiert ausschließend und marginalisierend der anderen gegenüber?

Nächste Frage: Gruppe B behauptet, daß Gruppe A für eine größenlose Gesellschaft kämpft. Stimmt das wirklich?

Nein. Gruppe A kämpft für das Recht der Leute, jede Größe zu haben und die selben Rechte wie alle anderen, unabhängig von der Größe, zu haben. Sie glauben nicht, daß Größe etwas ist, das einfach verschwinden wird. Sie glauben, es ist nichts, das Leuten entgegen ihrem Willen und mit nur zwei Wahlmöglichkeiten auferlegt werden sollte - groß oder klein. Sie möchten dem "Größismus" ein Ende setzen.

Ein Argument, das oft von intersex-Binären benutzt wird, um intergender und transgender Mitglieder innerhalb unserer community zu marginalisieren, ist folgendes:

"Viele Leute, die nicht intersexuell sind, identifizieren sich auch als intergender.
Viele Leute, die nicht intersexuell sind, identifizieren sich auch als transgender."

Wir möchten das offensichtliche feststellen:
Viele Leute, die nicht intersexuell sind, identifizieren sich innerhalb des binären x oder y, das auch nichts spezifisches für Intersexuelle ist und Binäre keine "gültigere" Gruppe innerhalb der Intersex-community werden läßt.